Waldwirtschaft kontra Naturschutz, der Königsdorfer Wald in Gefahr

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Viele Jahre konnte der Königsdorfer Forst sich ungestört entwickeln. Doch im Herbst 2009 begannen in diesem Naturschutzgebiet erhebliche Fäll-Aktionen. Bei einer großen Anzahl von Bürgern herrschte damals Bestürzung über diese hemmungslose Art der Waldwirtschaft. Als Reaktion gründete sich die Bürgerinitiative „Waldfreunde Königsdorf“ und erreichte durch eine Unterschriftenaktion, dass sie politisch gehört wurde. Lesen Sie im Folgenden die dramatische Geschichte eines Kampfes, der keineswegs als beendet angesehen werden kann. Die Lokale Agenda 21 in Pulheim, die der Idee der Nachhaltigkeit verpflichtet ist, unterstützt die Bemühungen der Waldfreunde Königsdorf um den Erhalt eines wertvollen Naturschutzgebiets und Biotops, welches im Übrigen zu einem großen Teil auf Pulheimer Stadtgebiet liegt.

Waldfreunde Königsdorf – Die Story

Deutschland ist Buchenland. Weltweit sind nur noch in den deutschen Schutzgebieten Jasmund, Grumsin, Serrahn, Hainich und im Kellerwald sowie auf Flächen in den Karpaten Buchenurwald-Relikte anzutreffen.

Ein intakter Buchenwald gleicht dem geschlossenen System eines selbsterhaltenden Organismus, der Lebensgrundlage für 10.000 Tier- und Pflanzenarten bietet.

Die UNESCO hat daher beschlossen, die wenigen verbliebenen Restgebiete unter Schutz zu stellen und hat sie zum Weltnaturerbe erklärt. Damit sind sie gleich gestellt mit den Galapagos Inseln, der Great Barrier Riff oder dem Yellowstone Park. In Deutschland nur vergleichbar mit dem Naturerbe Grube Messel oder dem Wattenmeer.

Der Königsdorfer Forst ist Restbestand der einst vorherrschenden Buchenwälder im Nordteil der Ville. Wegen seiner Größe von nur 330 ha kam er leider nicht für diese höchste Kategorie des Naturschutzes in Betracht. Dennoch wurde eine Teilfläche von 48,56 ha zum Wildnisgebiet erklärt und der Wald insgesamt gemäß der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie der Europäischen Union ausgezeichnet. Damit verbunden wurde der Forst in das europaweit zusammenhängende Netz von Schutzgebieten gemäß Natura 2000 aufgenommen.

Viele Jahre konnte der Königsdorfer Forst sich ungestört entwickeln. Doch nach personellen Veränderungen im Regionalforstamt Rhein-Sieg-Erft (Wald & Holz) begannen im Herbst/Winter 2009/2010 erhebliche Fäll-Aktionen im Naturschutzgebiet.

Rücksichtsloser Einsatz von schweren Ernte- und Transportmaschinen führte zu erheblichen und zum Teil gravierenden Schäden auf Wegen und im Wald. Es wurden Reitwege sowie Rückegassen befahren, die im Abstand von ca. 20 Metern bei ca. 4 Metern Breite in den Wald geschlagen etwa 20% der Waldfläche ausmachen. Durch die Last der Maschinen kam es vielerorts zum sog. Grundbruch, einer gravierenden und nicht umkehrbaren Verdichtung des Waldbodens. Als Lebensraum für Fauna und Flora fällt diese Fläche für viele Jahrzehnte aus.

Es herrschte bei einer großen Anzahl von Bürgern Bestürzung über diese hemmungslose Art der Waldwirtschaft. Als Reaktion gründete sich die Bürgerinitiative „Waldfreunde Königsdorf“. Eine unverzüglich veranstaltete Unterschriftenaktion erreichte mit ca. 1700 Zustimmungen, dass die BI auch politisch gehört wurde.

Unter wissenschaftlicher Begleitung konnte die BI bei Begehungen im Wald, auf Podiumsdiskussionen und in Gesprächen mit politisch Verantwortlichen auf kommunaler, Landes- und Bundesebene die Unzufriedenheit und den Ärger der Bürger aus den umliegenden Gemeinden artikulieren.

Es war schließlich der für Klimaschutz, Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz des Landes NRW zuständige Minister, Johannes Remmel (Bündnis 90/Die Grünen), der entschied, eine Mediation zwischen „Waldfreunde Königsdorf“ und Wald & Holz solle dafür sorgen, dass eine Wiederholung derartiger Zustände verhindert wird. Die Mittel für den Mediationsprozess wurden überwiegend aus seinem Ministerium bereitgestellt.

Nach zähen zweijährigen Verhandlungen konnte mit Zeichnung des Mediationsvertrags im Jahr 2012 schließlich Konsens über folgende Kernpunkte erzielt werden:

  • -         Im Dreiklang „Naturschutz – Erholung – Holznutzung“ soll der Holznutzung nachrangige Bedeutung zukommen
  • -         Erhalt und Förderung des Altwaldes
  • -         Erhöhung der Naturnähe und Erhalt von Sonderbiotopen
  • -         Förderung der Erholungseignung/-infrastruktur bei gezielter Besucherlenkung
  • -         bestandspflegende Maßnahmen an Laubbäumen nur jünger als 60 Jahre
  • -         motormanueller Holzeinschlag
  • -         Rücken mit Pferden, notfalls mit Seilzug
  • -         Forstmaschineneinsatz nur auf befestigten Wegen
  • -         kein Anlegen neuer Rückegassen
  • -         Vermeidung von Schäden an - im Sinne des Naturschutzes - als wertvoll betrachteten Gebieten

Es wurde erklärt, dass dieser Prozess im Sinne der Politik beispielgebend für eine Bürgerbeteiligung bei der Lebensraumgestaltung sei.

Die Vereinbarung wurde weitgehend eingehalten und somit kehrte wieder Frieden in den Königsdorfer Forst ein.

Ein Waldpflegeplan sollte den Mediationsvertrag ablösen.

Wald & Holz war federführend bei der Ausarbeitung des Waldpflege-Konzeptes, an dem mit Zuständigkeit für Umweltbelange die Biologische Station Bonn e. V. mitgewirkt hat. In zahlreichen Besprechungen zwischen Waldfreunde Königsdorf und Wald & Holz drängte die BI auf Einhaltung der wesentlichen Bestimmungen aus dem Mediationsvertrag. Dies wurde von Wald & Holz rundweg zurückgewiesen. Selbst weitgehende Kompromissbereitschaft seitens der BI bei Fragen wie etwa zum Lebensalter von schutzwürdigen Laubbäumen oder zu alternativen Möglichkeiten des Holztransports konnte kein Einlenken von Wald & Holz bewirken.

Gegen massiven Protest der Waldfreunde Königsdorf wurde schließlich Ende 2016 ein „Waldpflegeplan“ erwirkt, in den keine der wesentlichen Errungenschaften aus dem Mediationsvertrag übernommen wurden. Der Einsatz von Forwardern wird ab sofort durch Wald & Holz wieder erlaubt, wobei Maschinen (Felix V145) mit 10+ Tonnen Eigengewicht und zusätzlichem Ladevermögen von ca. 8 Tonnen schon im Einsatz sind. Entsprechenden Druck üben die vier Räder auf den empfindlichen Waldboden aus, da diese Geräte auch auf Rückegassen und Reitwegen verkehren.

Im „Waldpflegeplan“ wird für die nächste Dekade festgeschrieben, in welchen Parzellen wieviel Raummeter der vorkommenden Holzarten in den verschiedenen Altersklassen geschlagen werden sollen. Bei genauer Betrachtung handelt es sich also eher um einen Waldwirtschaftsplan und die Erzielung einer möglichst hohen Rendite steht mithin erneut im Vordergrund. Z.B. werden ein möglichst schnelles Längenwachstum und nach Ausbildung von geradem astfreiem Stammholz die Optimierung der Wuchsbedingungen zur Herstellung von Starkholz angestrebt.

Viele Eichen in den alten Buchenbeständen, bestätigt Wald & Holz selbst in seinen Empfehlungen zur Bewirtschaftung, spiegeln kein natürliches Mischungsverhältnis wider. Sie sind vielmehr Produkt einer gezielten Einbringung und Förderung durch den Menschen. Zum größten Teil würden sie wieder herausgedunkelt werden, da sich die Buche durchsetzen würde. Dem steht das Bedränger-Konzept von Wald & Holz entgegen, bei dem laut „Waldpflegeplan“ vornehmlich die Eichen auch zulasten alter Buchen bevorzugt werden sollen. Es ist angeraten, hierzu die Renditeerwartung zu betrachten, die für gleichwertige Qualitäten gegenüber Buchenholz bis zu 50% höhere Margen erwarten lässt.

Generell kann davon ausgegangen werden, dass Wald & Holz nur geringe Mengen im unteren zweistelligen %-Bereich von sog. A-Qualität an Möbel Produzenten verkaufen kann. Mithin bleiben für die Restmengen an B/C Qualität nur Abnehmer zur Produktion von Spanplatten oder zur thermischen Nutzung als Kaminholz bzw. in Form von Holzpellets.

Die Waldfreunde Königsdorf werden keine der Errungenschaften aus dem Mediationsvertrag aufgegeben. Wir stehen dafür, dass weiterhin kein Einsatz von Forstmaschinen (Forwarder) auf Reitwegen oder Rückegassen stattfindet, stattdessen können Rückepferde oder Pferdegespanne zum Transport bis zum befestigten Weg eingesetzt werden. Wir fordern den Schutz von Laubbäumen ab einem Lebensalter von 80 Jahren und Mitspracherecht und Gleichberechtigung bei Fragen zu Waldbewirtschaftung, die nur noch eingeschränkt und naturnah unter Ausrichtung auf die natürliche Waldgesellschaft stattzufinden hat.

Buchen sind unverwüstlich und nahezu resistent gegen jede Art von Klimawandel. Intakter Buchenwald ist ein geschlossenes Ökosystem, das sich von selbst erneuert und Lebensraum für viele Mitbewohner schafft. Es gibt in Europa nur noch ganz wenige Relikte von alten Buchenwäldern. Buchenurwälder gibt es eigentlich gar nicht mehr. Alte Buchenwälder sind Gen-Datenbank für eine intakte Umwelt zum Nutzen künftiger Generationen. Dieses Erbe zu erhalten und zu schützen ist eine Entscheidung, die Weitblick erfordert, vielleicht aber auch nur "gesunden Menschenverstand".

Text: Dr. Wolfgang Hilbert

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