Gewohnheiten ändern - eine Ansprache zum Neuen Jahr

Auf dem Neujahrsempfang im Rittergut Orr hielt Hausherr Wolf-Rüdiger Schmidt-Holzmann ein bemerkenswertes Plädoyer für den Klimaschutz. Er schilderte eindrucksvoll, warum und wie er in seinem Unternehmen langfristig plant und nachhaltig handelt. Seine wichtigste Anregung: „Wir müssen unsere Gewohnheiten ändern!“

Im Orrer Busch hat er sämtliche Fichten entnommen und 7.800 neue Bäume gepflanzt, die widerstandsfähiger sind und dem Klimawandel wohl mehr entgegenzusetzen haben. Er erwartet wirtschaftlichen Nutzen erst über einen langen Zeitraum von 100 Jahren, freut sich aber, dass die neue Bepflanzung sofort jede Menge CO2-Emissionen speichert. Geplant hat er ferner eine Holzhackschnitzel-Heizung für das Haus Orr, die ausschließlich mit dem Holz aus der Bewirtschaftung des Parks betrieben werden kann. Wie Herr Schmidt-Holzmann im anschließenden Gespräch erwähnte, hat er im Walzwerk Zisternen geschaffen, die das Regenwasser sammeln. Das wird nicht mehr in den Kanal eingeleitet; vielmehr wird es verbraucht oder es versickert auf dem Gelände.

Wir können davon ausgehen, dass dieser Unternehmer seine Maßnahmen auf auch auf Wirtschaftlichkeit geprüft hat. Er ermutigt jeden, offen zu sein für Veränderungen und als Einzelner Verantwortung zu übernehmen und nicht auf die Politik zu warten. „Denken Sie an Ihre Kinder und Enkel und treffen Sie die richtigen Entscheidungen, ob zu Hause, bei der Arbeit oder in der Freizeit,“ formuliert er zum Schluss.

Den vollen Wortlaut seiner Ansprache, die feinfühlig formuliert ist und nachdenklich stimmt, finden Sie nachstehend.

 

Rede von Herrn Wolf-Rüdiger Schmidt-Holzmann zum Neujahrsempfang 2019 in Haus Orr, Pulheim

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich begrüße Sie ganz herzlich zum Neujahrsempfang in Haus Orr. Begrüßen Sie mit mir den Bürgermeister der Stadt Pulheim Frank Keppeler sowie den stellvertretenden Landrat Bernhard Ripp. Ein herzliches Willkommen auch den Vertretern der Parteien im Rat der Stadt Pulheim und den Abgeordneten des Kreistages. Und nicht zuletzt freue ich mich über die zahlreichen interessanten Gäste aus Politik, Wirtschaft und Kultur, die meiner Einladung gefolgt sind.

Meine Damen und Herren, wir können heute ein Jubiläum feiern. Denn dies ist bereits der zehnte Neujahrsempfang, den ich ausrichten darf. Man kann sagen, spätestens jetzt ist diese Veranstaltung Tradition in Pulheim, und wird es hoffentlich noch viele Jahre bleiben.

Vom Begriff Tradition ist es nicht weit zum Begriff Gewohnheit. Und der spielt bekanntermaßen zum Jahresbeginn immer wieder eine große Rolle. Denn dann werden gewohnheitsmäßig alle Gewohnheiten hinterfragt, vor allem die schlechten.

Wir Menschen sind Gewohnheitstiere. Wir ändern uns, beziehungsweise unseren Lebensstil, häufig erst dann, wenn wir einen gewissen Druck verspüren. Zum Beispiel am Hosenbund. Viele von uns versuchen gegenzusteuern, indem sie gute Vorsätze für das neue Jahr fassen. Sich mehr bewegen, sich gesünder ernähren und so weiter. Wir alle kennen das. Doch nachhaltig sind diese Änderungsvorhaben meist nicht. Zu oft fallen wir schon bald in den alten Trott zurück. Erst wenn Beschwerden auftreten und uns jemand mit medizinischer Expertise sagt: So können Sie nicht mehr weitermachen, dann ändern wir möglicherweise unser Verhalten. Und warum? Weil wir Angst bekommen. Plötzlich wird uns klar, dass wir unsere Gesundheit schädigen. Insgeheim wussten wir das natürlich bei jedem kleinen Vergehen auch schon vorher. Doch so lange es uns einigermaßen gut dabei geht, scheren wir uns nicht darum. Dieses Verhalten zeigen wir jedoch nicht nur in Bezug auf unser persönliches Leben. Auch in Bezug auf die großen Fragen unserer Zeit zeigen wir dieses Phlegma und halten an unseren Gewohnheiten fest.

Besonders deutlich wird dies in Bezug auf den Klimawandel. Denn auch hier gilt: Wir werden erst dann begreifen, was Klimawandel wirklich bedeutet, wenn er in unserem Alltag angekommen ist. Einen Vorgeschmack darauf, wie das aussehen kann, hat uns der vergangene Sommer gegeben. Doch wir alle machen weiter wie bisher. Wenn ich dann Reiseanzeigen lese, in denen steht: „Diese Orte sollten Sie besuchen, bevor sie untergehen“, dann ist das an Zynismus kaum zu überbieten.

Woran liegt das? Ich glaube, es fällt uns bei der steigenden Informationsflut zunehmend schwerer, zwischen richtig und falsch zu unterscheiden. So ist für die einen der Klimawandel ein weltweit lebensbedrohliches Szenario. Für die anderen nichts weiter als eine Propagandalüge, um die Wettbewerbsfähigkeit bestimmter Länder einzuschränken. Hinzu kommt, dass die viel beschworenen Katastrophen der Vergangenheit sich dann doch als nicht so schlimm erwiesen haben. Denken wir an das Waldsterben, das Ozonloch – war doch alles halb so wild.

Oder nehmen wir das aktuelle Beispiel Fahrverbote: Wissen wir wirklich, wer aus welchen Gründen einen Grenzwert für was festlegt? Und worum geht es eigentlich, um Feinstaub, Stickoxide oder CO2-Emissionen? Auch in den Medien geht es bei diesem Thema mitunter drunter und drüber. Oder können wir sicher sein, was ein Verbot von Plastiktragetaschen bringt? Wenn wir am nächsten Tag lesen, dass die Ökobilanz von Papiertragetaschen im Vergleich noch schlechter ist, weil sie eben nicht aus recyceltem Altpapier bestehen und Stoffbeutel aus Baumwolle auch keine überzeugende Lösung sind, weil der Herstellungsprozess unter anderem zu viel Wasser verbraucht?

Unsere Welt wird zunehmend unübersichtlicher. Es ist extrem kompliziert geworden, zu verstehen, welche Folgen unser Verhalten tatsächlich hat. Im Umkehrschluss heißt das: Wir können auch aus der richtigen Haltung heraus durchaus das Falsche tun. Studien zeigen, dass mehr Informationen über die Herausforderungen und die bestehenden Probleme durch den Klimawandel kaum hilfreich sind. Solange die Wertvorstellungen und Einstellungen abstrakt bleiben, ändern wir nichts. Deshalb können wir durchaus von etwas überzeugt sein und uns im Alltag jedoch genau entgegengesetzt verhalten.

Also ändern wir unsere Gewohnheiten. Fortan essen wir weniger Fleisch, kaufen Gemüse und Obst aus der Region, nutzen Mehrwegverpackungen, fahren häufiger mit dem Fahrrad zum Einkaufen und so weiter. Das mag alles ein bisschen teurer und auch mühsamer sein, aber es ist sinnvoll. Wir können uns das leisten. So weit so gut. Doch dann fliegen wir nach New York oder Südafrika, um Urlaub zu machen oder Freunde zu besuchen.

Es ist ein Dilemma, dass gerade Menschen mit guter Bildung und höherem Einkommen einerseits ihren Alltag ökologischer gestalten, gleichzeitig aber zu den größten CO2-Emittenden gehören. Meiner Meinung nach könnte eine CO2-Steuer den Menschen deutlich vor Augen führen, wie hoch ihr persönlicher Beitrag zum Klimawandel tatsächlich ist. Doch dann wird die Steuererklärung auf dem Bierdeckel noch unwahrscheinlicher als sie ohnehin schon ist.

Denkbar wäre auch, dass beispielsweise der CO2-Verbrauch im gesamten Lebenszyklus eines Produkts an seinem Preis ablesbar ist. Ich fürchte jedoch, dass so ein Ansatz nur global funktionieren kann. Wie eine wirksame Bekämpfung des Klimawandels, die ohnehin nur global sinnvoll sein kann und von allen Staaten gemeinsam angegangen werden muss. Das wird ein langer Weg, wenn wir uns das politische Ringen um Minimalvereinbarungen auf den Klimakonferenzen anschauen. Dabei bezweifele ich, ob uns noch so viel Zeit bleibt.

Bei den kommenden Herausforderungen ist jedoch noch ein weiterer Aspekt entscheidend. Wir können das Neue und Unbekannte, das aus verschiedenen Richtungen auf uns zukommt, nicht aus den alten Kategorien heraus verstehen. Das betrifft den Klimawandel genauso wie die digitale Transformation und künstliche Intelligenz oder die Entwicklungen in der Biotechnologie. Diese Entwicklungen werden unser Leben dramatisch verändern. Doch wir werden nicht weit kommen, wenn wir diesen Entwicklungen mit herkömmlichen Mustern begegnen wollen. Wir müssen lernen, vollkommen neu zu denken und uns entsprechende Handlungsoptionen erarbeiten.

Lassen Sie mich an einem Beispiel erklären, was ich damit meine: Seit ich den Wald des Rittergut bewirtschafte, hat sich mein Blick auf die Herausforderungen, die mit dem Klimawandel einhergehen, stark verändert. Die Forstwirtschaft hierzulande arbeitet bereits seit vielen Jahren daran, den Wald neu zu gestalten, damit er auch in Zukunft weiter als wichtigsten CO² -Speicher und als Wirtschaftsgut genutzt werden kann. Insbesondere die Fichten in unserer Region werden dem Klimawandel, wie er sich allmählich abzeichnet, nicht mehr gewachsen sein. Schon jetzt setzen Stürme, Trockenheit und in der Folge Borkenkäfer dem Flachwurzler stark zu. Steigen die Durchschnittstemperaturen wie von vielen Forschern angenommen um 1,5 bis 2 Grad, könnten das die Fichten in wärmeren Gegenden Deutschlands nicht mehr verkraften. Deshalb habe ich den Fichtenbestand im Orrer Busch im Frühjahr des vergangenen Jahrs komplett entnommen und dafür vor 4 Wochen 7.800 neue Bäume gepflanzt. Eine widerstandsfähige Mischung aus Stil- und Roteichen sowie Winterlinden, Vogelkirschen und Walnussbäumen, die dem Klimawandel hoffentlich mehr entgegenzusetzen haben.

Denn der Wald ist der beste Klimaschützer. Bäume entziehen der Luft das CO2 und atmen gleichzeitig Sauerstoff aus. Ein Hektar Wald speichert pro Jahr etwa 13 Tonnen CO2. Verbaut man das Holz in Möbeln oder Häusern, bleibt der Kohlenstoff gespeichert und gelangt nicht in die Atmosphäre. Eine hundert Jahre alte Buche entzieht der Atmosphäre eine Tonne CO2 mehr als eine Fichte. Zudem speichern große, alte Bäume mehr CO2 als junge und bieten zugleich Lebensräume für verschiedene Tier-, Pilz- und Pflanzenarten.

Es klingt vielleicht seltsam. Aber beim Umbau des Waldes denke ich in einer Zeitspanne von 100 und mehr Jahren. Erst dann wird dieses Holz wirtschaftlich nutzbar sein. Aber bis dahin hat dieser Wald massenhaft CO2 gespeichert, bevor sein Holz – in welcher Form auch immer – verwertet wird. Angesichts der Dringlichkeit, Maßnahmen zum Klimaschutz umzusetzen, mutet diese Maßnahme geradezu anachronistisch an. Aber ich glaube, wenn wir alle mehr über unsere eigene Lebenszeit hinaus denken, dann bekommen wir den richtigen Blick dafür, was wir heute gegen den Klimawandel tun können und müssen.

Es war von Beginn an mein Anliegen, Haus Orr und seine Umgebung so ökologisch wie möglich zu gestalten. Dazu gehört auch eine klimaneutrale Beheizung dieses Gebäudes. Heizen mit fossilen Brennstoffen wie Kohle, Öl oder Gas kommt dabei natürlich nicht in Frage. Deshalb habe ich den Willen, hier eine Holzhackschnitzel-Heizung zu bauen. Sie könnte ausschließlich mit Holz aus der Bewirtschaftung des Parks betrieben werden und wäre damit also CO2-neutral. Allerdings muss das Holz ein ganzes Jahr lang trocknen bevor es verheizt werden kann. Im vergangenen Jahr habe ich mich an dieser Stelle geärgert, dass mir keine Genehmigung für den Bau einer entsprechenden Scheune erteilt wurde. Heute freue ich mich, dass die Verwaltung meinem Ansinnen inzwischen positiv gegenübersteht. Damit kommen wir einen Schritt weiter in der ökologischen Bewirtschaftung dieser schönen Anlage.

Trotz der großen Herausforderungen, die auf uns alle zukommen, gehe ich mit einer positiven Stimmung ins Jahr 2019: Ich hoffe, ich konnte deutlich machen, wie wichtig ich es finde, schlechte Gewohnheiten abzulegen beziehungsweise neue Denk- und Handlungsweisen zu entwickeln. Denn unser Handeln jetzt hat Auswirkungen, die weit über unser eigenes Leben hinausgehen. Es wird deshalb immer wichtiger, gute Vorsätze auch tatsächlich umzusetzen. Damit wir nicht irgendwann rückblickend feststellen müssen: Hätten wir doch nur rechtzeitig mehr getan.

Deshalb sage ich: Seien wir offen für Veränderung. Überwinden wir unsere Angst vor dem Neuen. Es wird nicht reichen, sich an den Status Quo zu klammern. Denken Sie daran, dass jeder von uns durch sein Verhalten im Alltag zur Veränderung beitragen kann. Warten wir nicht darauf, dass die Politik es schon richten wird. Trotz aller Skepsis und der Widersprüchlichkeit unserer Welt ist jeder Einzelne gefordert, Verantwortung zu übernehmen. Denken Sie an Ihre Kinder und Enkel, und treffen Sie die richtigen Entscheidungen. Ob zu Hause, bei der Arbeit und oder in der Freizeit.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen ein gesundes, abwechslungsreiches, aber auch spannendes und glückliches Jahr 2019.

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