Feinstaub - Mehr als ein Grund zur Beunruhigung!

Die Korrelation zwischen einer Zunahme von Feinstäuben in der Atemluft und Atemwegs- und Herzkrankheiten oder sogar einer verkürzten Lebenserwartung ist belegt. Schwangere und Kinder sind besonders gefährdet. So lautet das erschreckende Fazit eines Artikels aus dem Deutschen Ärzteblatt. Wir dokumentieren hier Auszüge. Den ganzen Artikel finden Sie unter Dtsch Arztebl 2015; 112(26) und Literaturhinweise:

Gefahr aus Kohlekraftwerken

(…) Das zentrale Problem bei der Kohleverstromung ist aus medizinischer Sicht die Emission von Feinstäuben. (…) Sie werden zum geringeren Teil als „primäre“ direkt bei Verbrennung freigesetzt, zum größeren Teil als „sekundäre“ durch chemische Reaktionen von ebenfalls emittierten Stick- und Schwefeloxiden und organischem Material erst in der Luft gebildet. Je kleiner der Durchmesser, desto tiefer dringen die Partikel in die Lunge ein und desto schädlicher sind sie. (…)

Langzeitexposition verkürzt deutlich die Lebenszeit
Dass Feinstäube gesundheitsschädlich sind, ist schon seit Jahrzehnten bekannt (4). Neu ist, dass das Ausmaß der Schäden in der Vergangenheit unterschätzt wurde, dass es keine „sicheren“ Mindestgrenzwerte gibt und die Richtlinien zur Luftreinheit von 2005 deswegen nun revidiert werden (5).

Die Korrelation zwischen einer Zunahme von Feinstäuben in der Atemluft und Gesundheitsschäden ist ebenso belegt wie der umgekehrte Zusammenhang: dass eine Abnahme der Konzentration sich unmittelbar in einer Verbesserung der Gesundheitssituation niederschlägt und längerfristig die Lebenserwartung steigert. (…)

Als Ursache für Atemwegserkrankungen spielt neben den Feinstäuben ein anderer Luftschadstoff eine wichtige Rolle. Bodennahes Ozon (nicht zu verwechseln mit dem Ozon in der Stratosphäre) entsteht aufgrund komplexer chemischer Reaktionen durch Schwefel- und Stickstoffoxide, organische Verbindungen und teils auch durch Feinstaub in der Luft. Alle diese Emissionen werden bei der Kohleverbrennung freigesetzt. Ozon ist ein Reizgas, das Atembeschwerden verursacht und zur Entstehung oder Verschlimmerung von chronischen Atemwegserkrankungen führt. (…)

Es gibt keine saubere Kohleverstromung
Die WHO kam 2005 in einer umfassenden Literaturanalyse zu dem Schluss, dass ein Zusammenhang zwischen Luftverschmutzung und negativen Folgen für Schwangerschaften besteht, jedoch mehr Forschung nötig ist, um die Fakten zu klären (13). Auch für einen Zusammenhang zwischen Luftverschmutzungsexposition in der Schwangerschaft und einer erhöhten Rate an Schwangerschaftsintoxikationen (Präeklampsie), Frühgeburten und geringerem Geburtsgewicht gibt es zunehmend Belege (14, 15).

Die WHO hat 2013 ihre Zahlen aufgrund neuer Untersuchungen deutlich nach oben korrigiert. Im Jahr 2012 wurden von weltweit 52,8 Millionen Todesfällen allein sieben Millionen durch Luftverschmutzung verursacht (19). Das sind fast 13 Prozent aller Todesfälle weltweit und mehr als doppelt so viele, wie durch Malaria, AIDS und Tuberkulose zusammen. (…)

Weniger bekannt ist, dass Europa zu den Regionen zählt, die die höchsten Raten von Sterbefällen aufgrund von Luftverschmutzung aufweisen (22). Dementsprechend fordert die Kohleverbrennung nach wie vor in Europa einen hohen Gesundheitspreis. (…)

In der EU stirbt jeder Erwachsene aufgrund von Feinstaubbelastungen allein aus Kohlekraftwerken im Durchschnitt 0,5 Jahre früher als erwartet. (…) Die Annahme, dass Kohlekraftwerke in einem hochentwickelten und umweltbewussten Industrieland wie Deutschland mittlerweile technisch so aufgerüstet sind, dass sie keine relevante Luftverschmutzung mehr verursachen, ist falsch. (…) Die WHO-Schätzungen (…) bedeuten, dass in Deutschland jährlich etwa 35 000 Menschen an den Folgen der Luftverschmutzung sterben. Allein zehn Prozent davon werden durch die Kohleverstromung verursacht. Das bedeutet, dass die Verbrennung von Kohle in Deutschland jährlich mehr als 3 000 Menschenleben fordert – etwa ebenso viele, wie durch Verkehrsunfälle ums Leben kommen.

(…) Man muss sich aber auch klar darüber sein, dass es hier um ökonomische Interessen geht. (…) Die Krankheitskosten, die aus der Luftverschmutzung resultieren, werden derzeit von den Betroffenen – in den Industrieländern meist via Krankenversicherung – getragen. Die Gewinne sind privat, der Schaden wird vergesellschaftet. Diese Situation muss geändert werden. So ruft etwa Christine Lagarde, die Direktorin des Internationalen Währungsfonds (IMF), nicht nur dazu auf, die international weit verbreiteten Subventionen für fossile Brennstoffe endlich einzustellen und die so gewonnenen Mittel für die Verbesserung auch der Gesundheitsversorgung einzusetzen, sondern fordert darüber hinaus, dass alle fossilen Brennstoffe – und die schmutzige Kohle ganz besonders – mit Steuern belegt werden, um die verursachten Schäden zu kompensieren (28). (…)

Dr. med. Winfried Zacher/ Facharzt für Allgemeinmedizin, Tropenkrankheiten, MPH

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